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Analyse

Öffentliche Räume schützen, ohne sie zu überwachen

Alexander Bering
Alexander Bering
1. Juni 2026 · 5 min Lesezeit

Eine Frage aus dem Einsatz

Nicht jede Forschungsfrage entsteht am Schreibtisch. Diese hier entstand auf der anderen Seite — in jahrelanger ehrenamtlicher Arbeit im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz, in der Einsatzkoordination bei Großschadenslagen. Wer dort gestanden hat, kennt einen bestimmten Moment: eine Menschenmenge verdichtet sich, die Dynamik kippt, und die Sekunden, in denen man noch etwas tun könnte, sind kurz und unwiederbringlich.

Daraus wurde eine Frage, die mich nicht mehr losließ: Lässt sich eine kritische Entwicklung in einer dichten Menge früh genug erkennen, um zu handeln — ohne die Menschen darin zu Überwachungsobjekten zu machen?

Das ist die zweite Forschungslinie unseres Labors. In der Geschichte des Labors habe ich sie nur gestreift; hier erkläre ich, warum sie existiert und welche Haltung sie trägt. Wir nennen sie CrowdGuard.

Die Lösung, die wir ablehnen

Es gibt eine naheliegende, bequeme und falsche Antwort auf diese Frage: mehr Überwachung. Gesichtserkennung, biometrische Identifikation, personenbezogene Risikoprognosen — flächendeckend, jederzeit, über alle hinweg.

Diese Antwort lehnen wir aus Prinzip ab, nicht aus Bequemlichkeit. Und sie ist in Europa zu Recht auch rechtlich verschlossen: Der EU AI Act verbietet biometrische Fernidentifikation im öffentlichen Raum und personenbezogene Risikoprognosen weitgehend. Das deutsche Verfassungsrecht zieht mit der Versammlungsfreiheit eine klare Linie — wer beobachtet wird, verhält sich nicht mehr frei.

Ein System, das öffentliche Räume sicherer machen soll, indem es jeden Einzelnen erfasst, bezahlt diese Sicherheit mit der Freiheit, die den öffentlichen Raum erst lebenswert macht. Das ist kein Tauschgeschäft, das wir eingehen. Bürgerrechte sind für uns kein Hindernis, um das herum man baut — sie sind das Konstruktionsprinzip, mit dem man baut.

Die Physik der Menge, nicht das Gesicht des Einzelnen

Wenn die Identität der Menschen tabu ist — was bleibt dann? Erstaunlich viel. Denn die Gefahr in einer dichten Menge ist selten eine Frage davon, wer dort steht. Sie ist eine Frage der Physik.

Eine Menschenmenge hat messbare Eigenschaften, die nichts mit Identität zu tun haben: ihre Dichte (Personen pro Quadratmeter), ihre Strömungsrichtung, Punkte, an denen sich Bewegungen gegenläufig stauen. Aus der Sicherheitsforschung sind kritische Schwellen seit Jahrzehnten bekannt — die Arbeiten von Fruin und Still beschreiben, ab welcher Dichte eine Menge ihre eigene Bewegung nicht mehr kontrolliert und gefährlich wird.

Genau dort setzen wir an: nicht beim Gesicht des Einzelnen, sondern bei der Dynamik des Ganzen. Das System schätzt Dichte und Strömung aus dem Bild — und wirft anonyme, bewusst grobe Skelette aus, keine Identitäten. Es fragt nicht „wer ist das?", sondern „wird dieser Bereich gleich kritisch?". Der Unterschied ist nicht kosmetisch. Er entscheidet darüber, ob ein Werkzeug dem Schutz dient oder zur Überwachungsinfrastruktur wird.

Forensisch geerdet — und mit Zurückhaltung

Eine solche Methode darf nicht auf Vermutungen stehen. Unsere Validierungsbasis sind öffentlich dokumentierte Vorfälle aus dem Zeitraum 2015–2025, ausgewählt nach der Dichte ihrer forensischen Dokumentation — also danach, wie gut nachvollziehbar ist, was tatsächlich geschah.

Und hier gehört ein Satz hin, der mir wichtig ist: Wir führen in dieser Arbeit keine konkreten Fallbezeichnungen. Aus Rücksicht auf Hinterbliebene, auf laufende Verfahren und auf Gedenkstrukturen. Hinter jedem dieser Vorfälle stehen reale Menschen und reales Leid; sie sind kein Marketingmaterial und kein Demonstrationsobjekt. Die Auswahllogik wird methodisch und sachlich in einem separaten Begleittext dargestellt, nicht prominent in einer Übersicht ausgebreitet. Forschung an einem so ernsten Gegenstand verlangt Zurückhaltung — und Zurückhaltung ist keine Schwäche, sondern Teil der Methode.

Zwei Werkzeuge, die offline laufen

CrowdGuard ist heute ein Forschungs-Workspace, kein Produkt — aber ein konkreter. Zwei eigenständige, vollständig offline lauffähige Werkzeuge zeigen, wohin die Linie zielt:

  • Ein Inspector, der Bewegungs- und Dichteanalyse aus echtem Bildmaterial demonstriert — mit ehrlichen, anonymen Skeletten statt Identitäten, und mit offen ausgewiesenen Grenzen, wo die Schätzung unsicher ist.
  • Eine Einsatzkoordinations-Lagekarte für die Stabsarbeit, an der Logik der FwDV 100 orientiert — die gemeinsame Lage, auf der eine Einsatzleitung Entscheidungen trifft, georeferenziert und ohne Cloud.

Beide laufen lokal, ohne Datenabfluss. Das ist dieselbe Haltung zur Datensouveränität, die unser gesamtes Labor trägt — hier ist sie nicht optional, sondern Bedingung.

Ehrliche Forschung heißt, auch Fehlschläge zu berichten

Ich misstraue Sicherheitsversprechen, die nur Erfolge kennen. Deshalb gehört zu dieser Linie eine Disziplin, die unbequem ist: Wir berichten auch, was nicht funktioniert. Ein Ansatz, der vielversprechend klang, wurde bei einer Trefferqualität nahe dem Zufall ehrlich verworfen, statt schöngerechnet zu werden. Über sechshundert automatisierte Tests halten den Stand der Werkzeuge nachprüfbar.

Das ist langsamer als ein griffiges Versprechen. Aber bei einem System, das im Ernstfall Einsatzkräfte unterstützen soll, ist eine geschönte Zahl gefährlicher als eine ehrliche Lücke. Wer Verantwortung trägt, muss wissen, worauf er sich verlassen kann — und worauf nicht.

Warum ein Gedächtnislabor öffentliche Räume schützt

Auf den ersten Blick ist das ein Sprung: vom Langzeitgedächtnis künstlicher Systeme zur Sicherheit auf einem vollen Platz. Auf den zweiten Blick ist es dieselbe Überzeugung, nur in einem anderen Feld.

Es ist die Überzeugung, dass eine Technologie nachvollziehbar sein muss, datensouverän und am Menschen ausgerichtet — und dass man Grundrechte nicht gegen Nutzen aufrechnet, sondern in die Architektur einbaut. Bei ZenBrain bedeutet das ein Gedächtnis, in das man hineinschauen darf. Bei CrowdGuard bedeutet es Schutz, der ohne Überwachung auskommt. Verschiedene Felder, dieselbe Linie.

CrowdGuard ist ein unabhängiges, eigenfinanziertes Forschungsvorhaben. Sondierungen mit Innovationsnetzwerken und Behördenpartnern führe ich konsequent im Konjunktiv, bis etwas Verbindliches vorliegt — Namen nenne ich erst nach schriftlicher Zustimmung. Mehr zum Stand findet sich auf der Seite zum Schutz öffentlicher Räume.

Was bleibt

Die bequeme Erzählung lautet: Sicherheit und Freiheit seien ein Gegensatz, und man müsse sich entscheiden. Ich glaube, das ist falsch — und ich glaube, es ist eine gefährliche Bequemlichkeit. Die schwere, lohnende Arbeit besteht nicht darin, das eine gegen das andere einzutauschen, sondern darin, beides in dasselbe System zu bauen.

Genau das ist der Anspruch dieser Forschungslinie: einen öffentlichen Raum, der sicherer ist, weil er die Menschen darin nicht überwacht. Das ist schwerer als ein Kamerasystem mit Gesichtserkennung. Aber es ist die einzige Art von Sicherheit, die einen öffentlichen Raum öffentlich bleiben lässt.

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